Die ZfS-Webzeitung

Eike Plutz, 07.12.12

 

Platon und Hardcore

The Hirsch Effekt und Caleya in der Kieler Schaubude
 eikeplutz1Der Atem erzeugt weiße Wolken. Es herrscht eine merkwürdige Ruhe. Da stehen ein paar dunkel gekleidete Leute im Kalten und reden leise miteinander. Es werden Zigaretten gerollt. Das Gemenge aus Schnee, Salz und Sand knirscht unter den Schuhen. Was war hier los? Eine Beerdigung oder ein Konzert? Die eine oder andere Bierflasche deutet auf Letzteres... mehr...

Und die Gesichter zeigen überwiegend Zufriedenheit. Die beiden befreundeten Bands Caleya und The Hirsch Effekt spielten am 07.12. in der Kieler Schaubude. Nachdem Caleya ihren Auftritt Anfang November zusammen mit Your Dying Truth absagen mussten, ist es umso erfreulicher, dass sie es dieses Mal in den kleinen Club in der Legienstraße geschafft haben. Früher als gedacht, fangen sie um 20.30 Uhr an, ihren mit Doom, Punk und Postrock gespickten Hardcore zu präsentieren. Glück hatten diejenigen, die über ein großes soziales Netzwerk vom vorgezogenen Beginn erfahren hatten. Alle anderen bekamen leider nur noch wenig von den Hamburgern mit.

Wirklich schade, denn Caleya können an diesem Abend wieder einmal eine Atmosphäre erzeugen, die das Publikum in ihren Bann zieht. Klangwände, die am Rande zum Noise stehen. Breaks, die einen weiter in diese Welt aus Verzweiflung, Angst und Einsamkeit fallen lassen. Sind die Texte des Debüts "These Waves Will Carry Us Home" zwar auch bedrückend, haftet ihnen jedoch auch immer etwas Träumerisches an. Die mittlerweile deutschsprachigen Texte vom zweiten Album "Trümmermensch" bringt Sänger Tobias mit einer Wucht hervor, die ihren Inhalt spürbar macht. Der Zerfall eines Menschen, das Absterben der Wünsche, der Bruch mit den eigenen Erwartungen, der Bruch mit seinen Nächsten. Leid als Unterhaltungsform. Manch ein Medium bedient sich grausamer Vorstellung, um zu stimulieren und zur Selbstreflexion anzuregen.

Zum Schluss hat sich die Schaubude dann doch noch ansehnlich gefüllt - natürlich auch in Erwartung von The Hirsch Effekt. Während die kleine Bühne umgebaut wird, trennt sich das Publikum, die einen, um zu frieren und zu rauchen, die anderen, um zu trinken. Weitere stehen in kleinen Kreisen in den Überresten des mit hereingebrachten Schnees.

Dass hier überhaupt noch Konzerte stattfinden können, ist immer wieder erfreulich zu sehen. Die Kieler Schaubude stand ebenso wie das l´ètage und der X-Club kurz vor dem Aus, als 2009 die Zwangsversteigerung bzw. der Abriss des Gebäudes bevorstand. Durch die Bemühungen neuer Investoren konnte die Legienstraße 40 jedoch vorerst als kultureller Raum gesichert werden.

Als Nils und Ilja ihre Instrumente umgelegt haben und sich Philipp hinter dem Schlagzeug eingefunden hat, die zahlreichen Effekte noch einmal geprüft sind und langsame, elektronische Beats vom Band kommen, wird es sehr schnell sehr voll im Laden. Das Lied "Epistel" leitet das Konzert der "Hirsche" ein. Was sich zu Beginn vielleicht noch nach erzwungen poetischem Betroffenheitspop á la "Ich+Ich" anhört, wird immer nervöser, dann nochmal durch Streicher unterbrochen, bis sich die drei vollends ihrer Liebe zu komplexen Strukturen hingeben.

Findige nennen das "Artcore". Künstlerischen Anspruch, Professionalität und vor allem Können kann man den Musikern und ihrer Musik nicht absprechen. The Hirsch Effekt konnten sich mit ihrem Debüt "Holon : Hiberno" gleich mit einem ganz eigenen Stil positionieren. Zuträglich war die Sonderstellung durch die Verwendung der deutschen Sprache und intensives Touren. Dass das ganze Projekt bei der bereits angenommenen Größe immer noch ihren Do-it-yourself-Charakter erhalten hat, macht es nur sympathischer. Zumal hier die Balance zwischen professionell gemachter Musik und Spaß an der Sache definitiv stimmt. Bei allem "Gefrickel" ist immer auch Zeit für Witze.

Aber heute Abend will einfach nicht alles so klappen, wie es sollte. Auch wenn man ihnen die Routine anmerkt, die die letzten Jahre gebracht haben, bemerkt man auch eine gewisse Erschöpfung bei diesem vorletzten Konzert im Jahr 2012. Kleinere Verspieler häufen sich, werden aber schnell ausgeglichen und sind den meisten Zuhörern egal. Die musikalische und emotionale Achterbahn fährt trotzdem. Bei Liedern wie "Lentevelt" oder "Epitaph" schummeln sich immer wieder zahlreiche Stimmen aus dem Publikum zum Gesang. Der Fluss des Konzerts gerät durch Songs vom zweiten Album "Holon : Anamnesis" teils ins Stocken. Das Album zeichnet den Weg einer Beziehung frei nach der Erkenntnistheorie Platons. Die Texte etwas direkter, die Musik etwas verkopfter. Im Rahmen des Albums gut, live mitunter kraftlos. Doch ist das Kritik, bei der das hohe Niveau auf dem gespielt wird, nie vergessen werden sollte.

Am Ende steht man dann also da. In der Kälte. Die Ruhe rührt von der Zufriedenheit her, zwei gute Konzert gesehen zu haben. Die meisten hatten ihren Spaß und von Trauer keine Spur.